Es war im Frühjahr vor drei Jahren. Ich besuchte Sybille, eine sehr gute alte Freundin. Wir kennen uns schon ewig. Sie lud mich in ihre neue Wohnung ein, südlich von Stuttgart. Nach ihrer Scheidung war sie viel unterwegs und endlich wieder offen für wahre Freunde. Sie begrüßte mich überschwänglich an der Tür und ich war überrascht wie gut sie aussah. Stolz zeigte sie mir ihr neues Reich und ihr neustes Outfit. Sie war gut drauf und redete ohne Unterlass. Wir erinnerten uns an frühere, coole Zeiten und hatten jede Menge Spaß. Beim Zuhören rutschten meine Blicke auf die Berge von ungespültem Geschirr in der Küche und jeder Menge Kleinkram, der überall herum stand. Sybille redet von der Klarheit, die ihr die Trennung gebracht hat – und lebte im Chaos. Ich war irritiert und wurde sofort unaufmerksam, sobald ich meine Blicke schweifen ließ. Alles war vollgestellt und auf den Arbeitsflächen in der Küche stapelten sich Kartons, leere Flaschen und allerlei Unsortiertes. Ich runzelte die Stirn und aß in Gedanken versunken ihr selbst gekochtes Nudelgericht. Als gute, langjährige Freundin spürte sie, dass ich über etwas nachdachte, aber es ergab sich keine passende Gelegenheit das Thema anzusprechen. Ich übernachtete bei ihr und schlief schlecht. Am nächsten Morgen hatte Sybille einen frühen Termin und musste schnell weg. „Du kannst dir ruhig Zeit lassen“, verkündete sie hektisch und verschwand. Ich hatte tatsächlich keine Eile, setzte mich an ihren Esstisch und begann einen Brief mit den Worten: „Liebe Sybille, der Besuch war wirklich schön, nur….“ Dann stoppte ich. Ich überlegte kurz, ging in die Küche, ließ heißes Wasser ins Spülbecken laufen und machte mich an den Abwasch. Drei Mal wechselte ich das Wasser und spülte alles was nicht niet-und nagelfest war. Auch die Abstellflächen, zwei Tische und der Herd bekamen eine Intensiv-Reinigung – und glänzten. Den ersten Brief zerriss ich, bedankte mich schlicht für die wunderbaren Stunden mit ihr und ging.

Bis heute glänzt ihre Küche und Wohnung, selbst wenn ich unangemeldet komme. Manchmal grinst sie mich frech von der Seite an, wenn ich beim Reinkommen allzu prüfend schaue.

Heidi Prochaska   www.aendere-dich.de

Mitglieder präsentieren sich:

Go to top